Jet Set Radio






Tokyo-To, in einer nahen Zukunft - Die GGs, eine junge Gruppe von Inlineskatern, welche mit ihrer aufmüpfigen Art die Straßen übernehmen wollen, kämpfen mit rivalisierenden Gangs, in dem sie ihr Revier mit Graffiti markieren. Der Arm des Gesetzes ist natürlich nicht weit und die Verfolger hartnäckig, allen voran der an 70er Jahre-Cops erinnernde Captain Onishima, welcher schon mal die Tränengasbrigade, Hubschauber und Panzer auf die GGs ansetzt. Das alles wird kommentiert vom obercoolen, mysteriösen DJ Professor K, welcher den Piratenradiosender Jet Set Radio betreibt.

Schrill, bunt, cool, japanisch - das sind die ersten Eindrücke, welche die meisten Leute von Jet Set Radio haben dürften. Manchen dürfte es wohl sogar zu schrill sein. Besonders der Grafikstil faszinierte, das im Jahre 2000 auf Segas glückloser Konsole Dreamcast erschienene Spiel war das erste Spiel mit echtem Celshading in Echtzeit. Nebenbei gibt es einen ungewöhnlichen, aber äußerst gelungenen Soundtrack mit einer Mischung aus schrillem J-Pop, Electronic, Funk, Hip Hop und vielem mehr.


Let Mom Slepp

Trendsportspiele waren 2000 noch frisch (voll im Trend sozusagen) - Tony Hawk's Pro Skater hat erst 1999 das Genre spektakulär wiederbelebt, und Jet Set Radio geht einen Schritt weiter, in dem es den Trickpart zurücknimmt und dafür Jump n'Run und Action-Adventureelemente integriert. Mit den sympathisch-schrägen Mitgliedern der GGs gilt es in der Regel, in einer vorgegebenen Zeit in einem vorgegebenen Gebiet die Graffiti der Konkurrenz mit den eigenen illegalen Kunstwerken zu übersprayen. Natürlich kann man selbst in einer Videospielwelt nicht nach Lust und Laune sprayen, und so muss man sich meistens nach kurzer Zeit mit der Polizei rumschlagen, die im Laufe des Spiels immer aggressiver vorgeht und schwere Geschütze auffährt. Die Graffiti selber sprüht man auf, in dem man vorgegebene Tastenkombinationen eingibt, wenn man es fehlerlos hinbekommt, fährt man mehr Punkte ein. Das kann unter Polizeibeschuss von allen Seiten durchaus nervenaufreibend sein - an wenigen Stellen manchmal sogar leicht unfair, wenn man z.B. unter Beschuss von Scharfschützen ist, während man in einem offenen Gebiet auf einem Dach Graffiti sprühen muss. Ab und zu stoßen neue potentielle Mitglieder auf die GGs, welche aber nur beitreten, wenn man diese in einem Wettrennen oder Wetttricksen besiegt. Auch offene Kämpfe mit den anderen Gangs kommen manchmal vor, hier gilt es, das Graffiti direkt auf die Gegner zu taggen.


Auf der Suche nach Stellen zum Graffiti sprühen rast man auf seinen Inlineskates durch die Stadtgebiete - das Einkaufsviertel Shibuya-Cho mit großem Busbahnhof und einer langen Downhillstrecke, das verwinkelte Wohngebiet am Wasser mitsamt Kanälen, Kogane-Cho, sowie das Vergnügungsviertel Benten-Cho. Später stoßen noch 2 Gebiete in der eher amerikanisch gehaltenen Grind City hinzu, welche in der ursprünglichen japanischen Fassung nicht enthalten waren. Diese sind etwas kleiner und weit weniger komplex, aber dennoch nicht schlecht. Es gibt viel zu erforschen, und selbst nach vielen Stunden Spielzeit entdeckt man noch neue kleine Areale, allesamt liebevoll designt und mit schicken Postern, Neonröhren und stylischer Architektur, welche zum Grinden einlädt, versehen. In den komplexen Gebieten sind außerdem Graffiti Souls versteckt (manchmal an scheinbar unerreichbaren Orten), welche das Reportoire der GGs aufstocken. Nach und nach kann man in Einzellevels mehr von den jeweiligen Stadtgebieten erkunden, bis diese am Ende dann in vollständigen, sehr großen Arealen komplett zur Verfügung stehen, verbunden durch Kanäle und U-bahntunnel. Irgendwann fühlt man sich wie zu Hause - und das gesamte Flair sprudelt über vor Charme und Spaß. Um überall Topratings zu bekommen und das meiste aus den verschiedenen Levelanforderungen heraus zu holen, muss man ab und zu den Charakter wechseln. Diese haben unterschiedliche Attribute, bei einigen gibt es mehr Punkte für Graffiti, andere halten mehr aus oder können besser tricksen. Um alles freizuspielen und zu sehen, kommt man nicht drum rum, das Spiel mehr als einmal durchzuspielen.


Humming the Bassline

Die Steuerung funktioniert prinzipiell gut, hat aber leider ein paar kleine Macken. Das Trickreportoire wurde im Vergleich zu Tony Hawk stark verringert - Tonys Anzahl an Tricks wären in dem Gesamtkonzept auch nicht in dem Umfang notwendig gewesen, im Gegenteil. Allerdings hat man die Anzahl der benötigten Knöpfe an einigen Stellen etwas zu weit reduziert. Taggen und Kamera ausrichten fallen auf ein und den selben Knopf, weshalb man, wenn man vor der Polizei fliehen will, anstatt Graffiti an die Wand zu sprühen, nur eine geringe Chance hat, die Kamera richtig zu justieren, um nicht ins Ungewisse zu flüchten. Auf einen Knopf zum Grinden auf Stangen wurde komplett verzichtet, die Charaktere grinden automatisch. Leider auch, wenn man gerade garnicht grinden will. Bedauerlich ist zudem, dass man nur einen Spielstand auf einer VMU ablegen kann und dass die - allerdings wenig spektakulären - Internetfeatures (runterladen und tauschen von Graffiti-Motiven) nicht mehr zur Verfügung stehen. Mit dem Editor lassen sich aber immer noch auch selber Graffiti erstellen, wenn auch sehr unhandlich.


Die Grafik im Cel Shading spiel sieht auch heute noch sehr gut aus. Ein Beweis, dass der Zahn der Zeit an stilistisch hochwertigen Spielen weniger nagt, als an reinen Grafikburnern. Die Charaktere sind sympathisch gestaltet, die Welten liebevoll durchgestyled und alles wirkt, wie aus einem Comicbuch. Dazu gibt es schön überzogen-lässige Animationen und eine ansehnliche Farbpalette. Einen kleinen Faux-Pas gibt es bei den verschiedenen Einstellungen - während die 50Hz-Einstellung minimal langsamer daher kommt, ist die 60Hz Variante zwar schnell, aber hat an einigen Stellen mit Slowdowns zu kämpfen. Der Soundtrack ist Geschmackssache - wer auf die bereits erwähnten Richtungen J-Pop, Electronic, Funk, Hip Hop und ähnliches steht, wird den JSR-Soundtrack absolut lieben. Hideki Naganuma sorgt für eine Mehrzahl der Tracks, aber auch Toronto, Guitar Vader und andere sowie in der NTSC-Version noch Rob Zombie, Jurrasic 5 und mehr lassen die Instrumente und Mischpulte erklingen. Das alles wird vom Spiel wie von einem echten DJ im Übergang gemischt, was den "Radio" Flair erhöht und perfekt zum Spiel passt. Überhaupt interessant, ein Teil des Soundtracks ist international vorhanden, einzelne Tracks aber nur in jp., us- oder PAL-Fassungen.

Grace and Glory

Trotz tollem Konzept und klasse Stil war JSR ein Ladenhüter, wie so viele innovative und ungewöhnliche neue Titel für Segas Traumkonsole - die Welt er Videospiele ist ungerecht. Dennoch sollte jeder Dreamcastbesitzer, der Trendsport mit Jump n'Run Anleihen sowie Graffiti- und etwas alternativen Mangastyle nicht abgrundtief hasst, dem Spiel eine Chance geben. JSR gehört trotz kleinerer Mängel in der Steuerung zu dem Besten, was die Konsole an Exklusivtiteln zu bieten hat. Für die XBox gibt es außerdem einen gelungenen Nachfolger namens Jet Set Radio Future, welcher eine freiere Welt und ein etwas vereinfachtes Spielprinzip bietet.


Player: 1 Release: 24.11.00 Firma: SEGA Version: PAL
Grafik : 10/10 (Tolle, zeitlose Celshading-Optik)
Sound : 10/10 (Love or Hate - dazwischen gibt es beim Soundtrack nicht. Fest steht : Gut gemacht und passend)
Gameplay : 8/10 (schnelles Gameplay, großartiges Leveldesign, kleine Kameraprobleme, ein paar unfaire Stellen)
Innovation, Abwechslung : 9/10 (frisch und ungewöhnlich - heute wie damals)
Wiederspielbarkeit : 9/10 (Freispielbare Goodies, viel Forscherfreiraum)

Gesamt : 9/10 (Für jeden, der funky genug ist, ein Pflichtkauf für den Dreamcast)







Internet-Tipps

Interessantes Feature zum Spiel auf Hardcore Gaming 101
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