
Der Schleichspielklassiker Metal Gear Solid ist ein erstklassiges Spiel, aber in dessen großen Hype-Schatten verborgen liegt ein weiteres Juwel. Bereits ein halbes Jahr vor Solid Snakes erstem 3D-Auftritt schlichen japanische Helden auf der Psone durch spannende Abenteuer die Rede ist von den Ninja Rikimaru und Ayame (damals noch nicht spielbar) im Spiel Tenchu. Auch hier galt es, unbemerkt an Gegner heran- oder vorbeizuschleichen, allerdings mit dem Unterschied, dass man statt einem Hightechsoldat der Zukunft einen Ninja im feudalem Japan steuert.
Am Ende von Tenchu 1 konnte Rikimaru zwar den bösen Mei-Oh bezwingen, ließ aber scheinbar dabei sein Leben. Während Tenchu 2 (in Deutschland indiziert) also die Vorgeschichte der Tenchu-Ninja erzählte, ist das 2003 erschienene Tenchu : Wrath of Heaven der wahre Nachfolger, denn wirklich tot zu kriegen waren weder Rikimaru noch seine Widersacher...
Lebe in Ehre. Kämpfe mit List.
Nun ist Rikimaru zurück, zusammen mit seiner sexy Ninjakollegin Ayame und dem außenstehenden, stillen Meuchelmörder Tesshu schleicht er sich durch die 27 Missionen von Wrath of Heaven (jp. Version Tenchu San). Tatsächlich haben Metal Gear Solid und Tenchu weniger gemeinsam, als man am Anfang vermuten möchte. Beide Spiele fordern zwar, dass der Spieler bedacht vorgeht, sich im Schatten verbirgt und die Gegner aus dem Hinterhalt attackiert.
Aber während Snake in MGS eher auf halbwegs realistische Weise schleicht, kann man in Tenchu die wildesten Ninjatricks durchführen. Doppelsprung, an der Decke hängen, mit dem Enterhacken auch höchste Gebäude erklimmen die Ninja sind im Vergleich zu Snake wesentlich agiler. Auch die Auswahl an Objekten ist eher Ninja-like. Giftpfeile, Rauch- und Explosionsgranaten, vergiftete Reissnacks, Fallen und vieles mehr laden zum ausgiebigen Ninjaspielen ein.
Die Schauplätze sind meistens irgendwelche geheimen Höhlen, Friedhöfe, Dörfer, Tempel und große Anwesen, allesamt atmosphärisch in Szene gesetzt und immer im Schutze der Nacht. Das verzweigte Leveldesign bietet zudem viele verschiedene Routen und Vorgehensweisen an.
Direkt im ersten Level muss Rikimaru sich um korrupte Gutsbesitzer kümmern, welche Mädchen aus den Nachbardörfern zu „Diensten“ zwingen, weil deren Familien die Steuern nicht zahlen können.
Über die Dächer des in die Dunkelheit der Nacht gehüllten Dorfes rennt und springt er mit Hilfe des Enterhaken, und beobachtet die Wache. Wenn diese ihm für eine Sekunde den Rücken zukehrt, hat sie ihr Leben verspielt. Blitzschnell springt Rikimaru vom Dach herab, und führt einen spektakulär und oftmals äußerst brutal in Szene gesetzen Stealthkill durch (um den Gegner herumwirbeln und ihn die Hauptschlagadern unter den Armen aufschneiden, eine Nadel ins Genick rammen, mit den Beinen den Kopf verdrehen, mit dem Schwert enthaupten, das Herz rausreißen...). Neben der Tatsache, dass diese cool aussehen, erhält man nach 9 Stealthkills in einem Level eine neue Spezialfähigkeit, z.B. besondere Weitsicht oder weitere Kampfmoves.
Diese kann man auch gut gebrauchen, denn wenn man doch mal erwischt wird, muss man sich in gar nicht mal so leichten Kämpfen behaupten. Verschiedene Combos sind möglich, Abwehrmoves aus der Blockhaltung und Würfe. Leider sind gerade die Kämpfe mit mehreren Gegnern oftmals etwas unfair, da die Kamera etwas bockig ist und man die Lage nicht mehr wirklich unter Kontrolle hat. Aber darum soll man ja auch schleichen, nur leider gibt es ein paar Stellen im Spiel, in denen eine solche Konfrontation mit mehreren Feinden unausweichlich ist. Die Endbosskämpfe hingegen erfordern die richtige Strategie, erkennen, wann der Gegner sich eine Blöße gibt. Auch hier steht die Kamera leider nicht immer an der richtigen Stelle parat. Ebenfalls etwas enttäuschend ist die K.I. der anderen Charaktere, oft bleiben diese an Wänden „hängen“ oder laufen unkoordiniert im Kreis, wenn sie Rikimaru und die anderen suchen.
Dämonen und Feuerwerke
Wenn man die ersten Level hinter sich gelassen hat, werden das Spiel und seine Story schon etwas abgedrehter, denn neben menschlichen Widersachern wie Ronins und feindlichen Ninja haben auch Dämonen und Geister vor, den Frieden zu stören. In akuten Notfällen helfen Lebenstränke, Gegengifte und Stärkungstränke. Wie alle anderen Gegenstände kann man aber nur eine begrenzte Anzahl davon bei sich tragen und muss sich diese auch erst verdienen. Am Ende jeder Mission erhält man ein Ranking, je besser dieses ausfällt, umso mehr Objekte erhält man. Hat man sogar das bestmögliche Ranking bekommen, erhält man Spezialgegenstände wie z.B. kleine Wurfpfeile, von denen man 8 Stück gleichzeitig wirft oder Feuerwerke, mit denen man Widersacher effektiv ablenken kann.
Alle 3 Charaktere besuchen zwar die selben Welten, erleben die Story allerdings aus ihrer eigenen Sichtweise. Die Story ist zwar miteinander verknüpft und läuft theoretisch parallel ab, aber je nach gewähltem Charakter sind ein paar Dinge anders. So kämpft z.B. Ayame in anderen Welten gegen die selben Endbosse, wie Rikimaru, weshalb die 3 Storys jede für sich stehen. Auch die Charaktere haben unterschiedliche Eigenschaften und andere Waffen. Rikimaru kämpft mit einem Schwert, Ayame, flink aber schwächer, mit 2 Klingen und Tesshu stark aber langsam, mit seinen Fäusten und Nadeln. Manchmal kann man sich auch die Waffen der Feinde schnappen und mit Pfeilen und Speeren kämpfen.
Da außerdem alternative Endings und pro Level und Charakter jeweils 3 Versionen mit unterschiedlicher Aufstellung von Personen und Objekten bestehen, ist ein hoher Wiederspielbarkeitswert garantiert sofern man eben mit den Kameraproblemen leben kann. Abgesehen davon bietet das Spiel spannende und atmosphärische Unterhaltung. Der Schwierigkeitsgrad richtet sich insgesamt eher an geübte Spieler. Wer nicht alleine schnetzeln will, holt sich einen Freund an die PS2, und erledigt entweder zu zweit kleine Aufträge oder bekämpft sich in einer Art Ninjadeathmatch.
Technik aus dem feudalen Japan oder aus dem Millenium?
Grafisch gibt sich Tenchu unspektakulär, aber atmosphärisch. Die Animationen der Charaktere und die effektvollen Moves sind cool gemacht, die Umgebungsoptik je nach Gebiet schön (feudale Städte, schön eingerichtete Paläste, gruseliger Friedhof) oder trist (Höhlen). Nette Effekte wie Regen und verschiedenfarbige Lichtquellen (blaue Flammen...) sorgen für das nötige Feeling. Ein echter Hänger sind aber leider die Zwischensequenzen. Irgendwie ist das ganze nie wirklich synchron zu dem, wer gerade spricht, oft bewegen sich Lippen, aber nix wird gesagt und umgekehrt. Ebenso trüben eine handvoll Clippingfehler das Gesamtbild. Die PAL-Version ist recht sauber umgesetzt, auch wenn das Fehlen eines 60Hz-Modus etwas den Gesamteindruck trübt.
Der Soundtrack ist geht gut ins Ohr und bietet neben feudal angehauchter Hintergrundmusik und tollen Soundeffekten auch wahlweise original japanische oder englische Sprachausgabe.
Fazit
Wer auf Ninja steht und mit den Kameraproblemen (und den manchmal daraus resultierenden unfairen Kämpfen) klar kommt sind, bekommt ein atmosphärisches Schleichspiel mit vielen Möglichkeiten und guter Atmosphäre.
Nachtrag zur XBoxversion :
Diese trägt den Namen "Return from Darkness", bietet neben der PS2 Variante eine leicht verbesserte Optik mit höherer Auflösung und zusätzlichen Multiplayeroptionen. Ansonsten alles wie gehabt...
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| Grafik : 7/10 (nicht spektakulär, aber doch ganz atmosphärisch. Leider schlampige Zwischensequenzen) Sound 10/10 (sehr gelungener Soundtrack, gute japanische und englische Sprachausgabe) Gameplay : 8/10 (gute Steuerung und Spielsystem, leider mit Kamera- und K.I. Problemen) Innovation, Abwechslung : 8/10 (viel Abwechslung, aber kaum wirklich neues) Wiederspielbarkeit : 8/10 (dank alternativer Endings, Alternativlevels und 3 Charakteren sehr hoch) Gesamt : 8/10 (gutes Ninjastealthspiel, oftmals unterschätzt) |
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