Dragon’s Crown

Posted on by CrazyArcadia

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Vanillaware produziert einige der bestgestalteten 2D-Spiele aller Zeiten. Liebevoll handgezeichnet nach Designs von George Kamitani entführen sie den Spieler in fantastische ActionRPG-Welten. Unter den bisherigen Werken befinden sich beispielsweise Odin’s Sphere, welches an nordische Sagen angelegt ist, und Muramasa: Demon Blade, welches im Japan der Samurai und mystischer Dämonen spielt. Spielerisch leiden die Spiele aber oft langfristig unter montonem Gameplay und viel Backtracking.
Auch Dragon’s Crown ist ein ActionRPG, diesesmal mit einem Setting wie aus einem 80er Jahre Advanced Dungeons & Dragons oder Heavy Metal Fantasycover. Diese Liebeserklärung an 80er Jahre-Fantasy bietet Drachen, Ruinen, Arnold Schwarzenegger-Muskelmänner, gut bestückte Frauen (…in Kleidung welche in unserer Zeit nichtmal als Unterwäsche durchgehen würde), Schätze, Legenden, bärtige Magier, Feuerbälle… die angestrebte Richtung ist klar.

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Wie gesagt, bärtige Magier…

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… und jede Menge Schätze!

Im Königreich Hydeland gibt es Konflikte rund um die Dragon’s Crown, welche dem Besitzer der Legende nach höchste Macht verleiht. Die Königsfamilie von Hydeland, andere Länder, einzelgängerische Haudegen, böse Monster, alle sind hinter ihr her. Als einer von sechs spielbaren Charakteren mischt man mächtig mit. Damit ebbt die Komplexität der Story hier auch schon. Diese ist streng linear und sehr klassisch erzählt: Wie bei einem Pen&Paper Rollenspiel liest ein Erzähler die Geschichte vor, während animierte Portraits von Charakteren mit vielen Details verzücken.

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Zur Wahl stehen ein mächter Kämpfer mit Schwert, ein massiver Zwerg mit ebenso massiven Hämmern, eine grazile Elfe mit pfeilschnellem Bogen, eine muskelbepackte Amazone mit Hellebarde, ein mysteriöser Magier mit Angriffs und Verteidigungszaubern und eine gut bestückte Zauberin mit Hang zum Heilen und Nekromantie. Die Charaktererstellung beschränkt sich allerdings auf eine Hand voll Farbvariationen, die eigentlichen Figuren bleiben vorgegeben.

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Im Bild: Frau mit Frosch

Die Auswahl klingt so klassisch, wie das Gameplay. Dieses vermischt Beat ’em Up-Action wie in Golden Axe mit Looten und Leveln nach Vorbild Diablo. Man läuft recht linear durch eine seitwärts scrollende 2D-Welt, nimmt hier und da Abzweigungen, kloppt Monster und sammelt Schätze.
An Gegnern stellen sich klassische Fantasy-Monster wie Orks, Goblins, Zombies, Vampire, riesige Würmer, Fischmenschen und mehr entgegen. Falls die vorhandenen Waffen nicht ausreichen, nimmt man temporäre Waffen wie Dolche, Armbrüste oder Bomben unterwegs auf. Die Settings decken mit verwunschenen Wäldern, Geisterschloss, vergessene Ruine über Zauberturm, Unterwasserhöhle und einigen mehr so ziemlich alle klassischen Fantasy-Szenarien ab.

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Der Diablo-Part besteht aus Schätzen mit Rang, Leveln und permanenter Wiederholung auf verschiedenen Schwierigkeitsgraden und mit unterschiedlichen Quests. Ja, auch in diesem Vanillaware-Spiel besucht man Gebiete immer wieder. Aber irgendwie macht es hier auch beim 5. Mal noch Spaß, was auch mit der Verschmelzung mit dem Diablo-Suchtkonzept zusammen hängt.
Der Suchtfaktor stellt sich spätestens dann ein, wenn man das endlose Labyrinth freigespielt hat, welches zufällige Dungeonbereiche aneinander hängt, und auch die Option bekommt, mehrere reguläre Gebiete zufällig hintereinander zu spielen. Diablo-Spieler kennen den “nur noch einen Dungeon”-Suchtzog sicher nur zu gut. Denn je länger man überlebt und ohne Stadtvisite ins nächste Gebiet weiter wandert, umso höher ist der Goldbonus und umso besser werden die gefundenen Ausrüstungsgegenstände und Schätze.

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Echsenmenschen – nicht nur in der US-Regierung!

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Rettet die Dorfmädchen vor der mächtigen Vampirella!

Positiv hervorzuheben ist dabei, dass sich alle Figuren tatsächlich unterschiedlich spielen. Neben eigenen Skilltrees ist Spielgeschwindigkeit, Kombofähigkeit und die Rolle in Teams – Support oder Frontangreifer – je nach Charakter sehr unterschiedlich. Grundsätzlich geht die Steuerung gut von der Hand und das einfache, aber gute Kombosystem mit Ausweichmoves und dem fixen Wechseln zwischen Attacken sorgt für flüssiges Gameplay. Bei einigen Figuren wie dem Kämpfer sind Tasten mehrfach belegt oder kontextsensitiv, was man aber mit etwas Übung auch schnell raus hat.
Wie es sich für ein gutes ActionRPG gehört, kann man Figuren auch in eine Richtung spezialisieren. Als Beispiel mal Elf und Zauberin: Als Elfe kann man Pfeile mit Feuer oder Gift versehen und sich zwischen schnellen Schüssen, aufgeladenen Schüssen oder Dolchen entscheiden. Die Zauberin hingegen kann beispielsweise Heilen, Skelette wiederbeleben und als Skelettkrieger rekrutieren oder bildschirmfüllende Angriffe durchführen.
Ob man von allem etwas oder genau eine Spezialisierung anstrebt, wird teilweise vorgegeben – Fähigkeiten lassen sich oft nur ab einem speziellen Level weiter aufbessern oder wenn man bereits spezifische Zusatzfähigkeiten erlernt hat. Damit wird verhindert, dass man sich gnadenlos verskillt. Skillpunkte erhält man sowohl beim Levelaufstieg als auch bei abgeschlossenen Sidequests.

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Die Skilltrees kommen in Form von schön gestalteten Kartendecks.

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In der Adventures Guild gibt es immer neue Aufträge!

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Was alleine Spaß macht, ist im Multiplayer Gold. Damit Spieler das Spiel grundsätzlich verstanden haben, ist dieser erst ab einem spezifischem Zeitpunkt der Story verfügbar. Ab dann kann man sowohl online als auch adhoc (Vita) oder mit mehreren Controllern an der PS3 gemeinsam auf Dungeonrun gehen. Das ist herrlich unkompliziert – man aktiviert den Onlinemodus und die etwas dümmlichen K.I. Kollegen werden mit verfügbaren willigen Online-Spielern besetzt oder man lässt sich in ein laufendes Onlinespiel einfügen. Alternativ macht man einen Raum auf, um mit Freunden gezielt Missionen zu spielen. Gerade auf höheren Schwierigkeitsgraden macht das durchaus Sinn. Die K.I. Kollegen sind ab einem bestimmten Punkt einfach nicht in der Lage mitzuhalten, gerade bei Bosskämpfen.

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Die teilweise bildschirmfüllenden Bosse sind beeindruckend!

Die Bosskämpfe sind ein wahrer Höhepunkt von Dragon’s Crown. Massive, bildschirmfüllende Monster, welche oft eine richtige Herausforderung darstellen, beeindrucken mit wirklich epischen Kämpfen. Minotauren, Golems, Drachen, Medusen, Teufel aus der Unterwelt lassen sich mit etwas Können aber auch alleine unter Kontrolle bringen – einige Quests verlangen dies sogar.
Natürlich ist es ärgerlich, nicht sofort online mit Freunden losziehen zu können, auf der anderen Seite ist es wie mit einem Führerschein – man bremst die Onlinekollegen nicht mehr gnadenlos aus, weil man gerade zum ersten Mal auf ein Monster einprügelt und planlos an magischen Runen und Geheimgängen vorbei rennt.

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Das Reiten auf Kampfbestien ist typisch für das Genre.

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Erinnert irgendwie an das MegaDrive-Alladin…

Zahlreiche kleine Gags und Funktionen werten das Spiel weiter auf. Die Möglichkeit, zwischen bestimmten Runden zu kochen und damit Statuswerte und Boni für die nächste Runde zu steigern, interaktive Portraits, freispielbare Questartworks von Gastzeichnern, viele kleine Anspielungen an andere Fantasywerke – Wer mit dem Genre vertraut ist, hat schlussendlich mehr von der generellen Gestaltung des Spiels. Und ja: Sogar einen Aufzuglevel gibt es (Beat ’em Up Fans werden es zu schätzen wissen).

Nicht jeder hat Spaß, seinen Charakter auf maximales Level zu bringen, perfekt zu skillen und S-Rank Ausrüstung mit möglichst viel Angriff- und Verteidigungsboni anzusammeln. Spieler, die stattdessen eine spannende verzweigte Story erwarten, sind hier falsch.
Einmaliges Durchspielen dauert zu Beginn etwa 15 Stunden, später deutlich weniger. Wer aber Spaß daran findet, seinen Charakter danach auf höheren Schwierigkeitsgraden richtig weit zu bringen, mehrere Figuren zu probieren und auch den Multiplayerpart zu verwenden, ist hier genau richtig.

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“In the background, a kraken with hundreds of tentacles is approaching.”

Ebenfalls Geschmackssache ist die Stilistik. Was der eine als Liebeserklärung an klassische Fantasy ansieht, sieht jemand anders womöglich als veraltet, grotesk oder gar sexistisch. Dragon’s Crown ist ein Spiel mit einem eigenen Charakter, abseits von möglichst massentauglich gestalteten Realismusspielen oder Standard-Animestilistik ohne Ecken und Kanten. Ja, es wird an Farbe nicht gespart, ja, jeder Aspekt der es erlaubt wird übertrieben und ja, das Spiel ist in seiner Stimmung irgendwo in den 80ern zuhause. Ein Blick auf die Artworks in diesem Review sollte aber reichen, um sich darüber eine Meinung zu bilden.
Was tatsächlich oftmals ein Problem darstellt, ist der Überblick: Mit 4 Spielern, teilweise mit gleichen Charakterklassen, viel bildschirmüberdeckender Magie und einer Menge Monstern verliert man gerne Mal das Ziel aus dem Auge. Auch wenn es darum geht, auf der 2D-Ebene ein Monster zu erwischen während man selber minimal davor oder dahinter steht, greift man in der Hitze des Gefechts gerne mal die Leere an. Mit neuen Patches hat Vanillaware dies minimal verbessert – man sieht nun auch mit einem kleinen Pfeil, wo der eigene Charakter gerade überhaupt ist – aber es kommt immer noch häufig zu Situationen, in denen man eigentlich nur noch Buttonmashing betreibt.

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Ansonsten ist das Spiel technisch und vom Design her eine Bombe. Bis auf wenige Ausnahmen ist alles handgezeichnet, fein animiert und strotzt nur vor Details. Es passt einfach wunderbar zusammen und sprüht nur so vor Charakter und Liebe.
Auch die Soundkulisse kann sich hören lassen. Mitpfeif-Ohrwürme gibt es zwar nicht direkt, aber jedes Stück klingt atmosphärisch wie nach Highfantasy: Episch, mysteriös, eigentlich fast wie aus einem 90er Jahre Rollenspiel aus dem Westen. Die englische Sprachausgabe ist kompetent, und man kann alternativ auch auf Japanisch schalten. Meister des Freispielens erhalten zudem die Chance, sich die Story von den spielbaren Figuren vorlesen zu lassen.

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Man beachte die Detailverliebtheit bei den Hämmern des Zwergenkriegers!

Es gibt allerdings ein paar Unterschiede zwischen der Vita und PS3-Fassung. Bei sehr viel Action gerät die Vita-Version gerne Mal ein bisschen ins Stocken – stört zwar kaum, aber fällt auf. Dafür geht die Steuerung des “Mauspfeils” für Runenzauber, Essen kochen, Schatztruhen aufmachen und Geheimnisse aufdecken mit dem Touchscreen der Vita einfacher von der Hand.
Mit dem neusten Patch ist Crossplatform-Multiplayer möglich, ergo sitzen auch Besitzer der weniger verbreiteten Vitafassung nicht auf dem Trockenen wenn sie online Mitspieler suchen. Zu dem Thema: Dieses Review sowie viele der Screenshots sind auf Grundlage ausführlicher Daddelsessions mit der Vita-Fassung entstanden.

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Tinkerbell kam mit ihrem Ruhm nicht klar und betrinkt sich nun andauernd.

Looten, Leveln, Schlagen, Zaubern im 80er Fantasy-Paradies: Wer sich mit dem Konzept eines manchmal repetitiven RPG-Beat em’Ups anfreunden kann, wird hier lange Zeit gut unterhalten werden. Den Multiplayeraspekt kann man ignorieren, jedoch machen viele Aufgaben im Spiel mit der K.I. als Partner nicht soviel Spaß.
Wer den Stil mag und dank diesem sogar noch wohlig-nostalgische Gefühle bekommt, sollte sich auf jeden Fall auf die Suche nach der Dragon’s Crown begeben – das ActionRPG ist eines der bisher besten Spiele von Vanillaware und bietet massig Wiederspielwert!

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Dieses Review basiert auf der PS Vita-Fassung.

Beschriebene Spielinhalte sowie sämtliche Grafiken, Screenshots, Video- und Sounddateien sind sofern nicht anders angegeben © Atlus/Vanillaware
Dragon’s Crown © Atlus/Vanillaware

Hersteller: ATLUS/Vanillaware

Genre: ActionRPG

Spieler: 1-4

Online: ja (Crossplay Vita/PS3)

Sprache: Engl. Sub/Dub, Jp.Dub

Version: US

Release: 6.8.2013 (US) 11.10.2013 (PAL)

Für Fans von: Golden Axe, Guardian Heroes, Diablo, 80er-Fantasy

Mehr davon: Odin Sphere (PS2), Code of Princess (3DS)

Zusätzliche Erfahrungspunkte

Dragon's Crown ist ein langjähriges Traumprojekt von Vanillaware. Erste Konzepte zu dem Spiel gab es schon vor über 10 Jahren, als das Team das Spiel für SEGA's Dreamcast geplant hatte.

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Dieses Artwork wurde übrigens in einem wunderbaren Artbook publik gemacht, welches in Japan und den USA der ersten Auflage des Spiels beilag.

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Wer sich weiteren Dragon's Crown-Swag zulegen möchte, sollte sich die folgende Figur des Herstellers Alpha Max auf die Loot-Liste setzen:

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Die Sorceress in voller Pracht erscheint April 2014.

An dieser Stelle sei auch der riesige Aufschrei erwähnt, der durch das videospiel-bezogene Internet ging. Dragon's Crown stand an forderster Front als es um eine massive Debatte rund um Sexismus in Videospielen geht. Das ganze ist so explodiert, dass wir dem Thema einen extra Artikel widmen werden...

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