Mirror’s Edge

Tarnanzug tragende Soldaten im Weltkrieg. Glatzköpfige Spacemarines gegen Aliens. Insgesamt hat man mit den ersten beiden Archetypen bereits die Protagonisten der meisten Egoshooter umschrieben. Ok, vergessen wir nicht Wissenschaftler mit Brecheisen, aber es geht ums Prinzip. Neben diesen sich immer wiederholenden Testosteron-Standards gibt es noch etwas, was in Spielen mit Egoperspektive immer wieder schlecht umgesetzt wird: Geschicklichkeitseinlagen. Springen und Klettern ohne sichtbare Arme und Beine hat sich schon des öfteren als Spielspaßbremse erwiesen. Der schwedische Hersteller DICE, bekannt unter anderem für die beliebte Battlefield-Reihe, bringt mit Mirrors Edge nun ein Spiel heraus, welches keinen genre-typischen Held bietet und zudem auch noch die Geschicklichkeitseinlagen in den Mittelpunkt des Spiels stellt. Kann das gut gehen? Ja, es kann.
Heldin Faith ist ein Runner. Diese akrobatischen und flinken Boten sind die letze Möglichkeit, in einer namenlosen dystopischen Stadt Nachrichten unkontrolliert durch Staatsmächte zu übermitteln. Über die Dächer der Stadt, in Kanälen und U-bahnschächten rennen sie im Schatten, immer auf der Flucht vor Polizei und Sicherheitskräften. Als Faiths Schwester, selber Polizistin, in einen Mordkomplott an einem hochrangigen Politiker verwickelt wird, will Faith der Sache auf den Grund gehen und findet jede Menge Schmutz hinter der sauberen Fassade der Stadt…
Renn um dein Leben!
“Don’t run! You have been warned!” Schüsse. Schwer bewaffnete Soldaten stürmen herein. Unbewaffnet rennt man gehetzt einen Korridor entlang, springt in einen Lüftungsschacht, gelangt in ein anderes Zimmer und schlägt hektisch eine Tür auf. Blauer Himmel, die Sonne strahlt herab. Weiterrennen scheint sinnlos, denn man befindet sich auf dem Dach eines Hochhauses. Dort, eine Rampe. Losrennen, springen, auf’s nächste Dach. Ein Helikopter ist zu hören, Maschinengewehr. Schnell unter einem Rohr durchrutschen und hinter einem Container verstecken. Sinnlos, weiterrennen. Auf’s nächste Dach weiter? Oder doch die Rohre weiter hoch klettern?
So sieht eine typische Spielsituation in Mirror’s Edge aus – dank der sehr gelungenen Steuerung gehen die Bewegungen nach kurzer Einspielzeit selbst Einsteigern gut von der Hand. Das grafische Design unterstützt das Spielgeschehen, indem es klare, einfache Kontraste bietet. Rote Objekte bedeuten meistens “Hier kannste was mit machen”. Hangeln, unten durch rutschen, an der Wand lang laufen, die Tür aufschlagen – alles was rot ist, bringt weiter. Der Vergleich mit dem Trendsport “Parcours” zwängt sich geradezu auf. Faith hat keine Waffen bei sich, man kann allerdings in Notsituationen seinen Gegnern mit Nahkampftechniken zusetzen und ihnen auch die Waffen abnehmen und selber einsetzen – muss man aber nicht. Das Spiel lässt sich auch durchspielen, ohne einen einzigen Gegner zu erschießen. Die Waffen schmeißt man sowieso nach kurzer Zeit wieder weg, da sie einem in den Bewegungen einschränken.
Leider funktioniert nicht alles immer perfekt. So ist man sich beim ersten Durchspielen oftmals nicht sicher, wo es denn weiter gehen soll – selbst die roten Flächen helfen da nicht immer drüber hinweg. Wenn man dann eine Weile lang festhängt, geht der Geschwindigkeitsflair etwas verloren. Manchmal machen die Kämpfe nicht wirklich Spaß – insbesondere bei großen Gegnermengen, wenn Wegrennen keine Option mehr ist. Man merkt, dass das Spiel vor allem auf Rennen und Springen ausgelegt ist, und es frustriert, wenn man irgendwann doch genervt zur Waffe greift und den eigentlich pazifistischen Spielflow durchbricht, um endlich weiter zu kommen. Doch hier macht Übung den Meister – nach einigen Versuchen kommt man auch ohne Töten durch jede Szene des Spiels.
Ein häufig kritisierter Aspekt des Spiels ist die Kürze – nach etwa 6-8 Stunden hat man das erste Mal den Abspann von Mirror’s Edge gesehen. Allerdings ist Mirror’s Edge als Spiel eher vergleichbar mit den Mega Drive-Sonicspielen. Nach mehrmaligem Durchspielen findet man immer schnellere, bessere Routen, und nicht das Durchspielen selber, sondern wie man das Spiel durchspielt, rückt in den Mittelpunkt. Es ist sehr befriedigend, wenn man im Flow des Spiels und der Geschwindigkeit ist. DICE unterstützt dies noch mit diversen Time Trial-Modi, welche dank Onlineleaderboards und runterladbaren Geist-Daten anderer Spieler für eine ganze Weile motivieren sollten. Bedauerlich ist das Fehlen eines Multiplayermodus – das Rennen und Gejagt werden sollte eigentlich Ideen genug bieten.
Saubere Zukunft
Optisch und stilistisch ist Mirror’s Edge sehr gelungen und zeigt, dass mit der Unreal3-Engine mehr als nur grau-braune Szenarien möglich sind. Der sterile Look ist Geschmacksache, passt aber insgesamt zum dystopischen Szenario, die Lichteffekte sind sehr atmosphärisch und dank nicht vorhandenem Interface kann man sich voll und ganz auf das Geschehen konzentrieren. Das Spielgefühl wird durch die Sichtbarkeit und das eigene Physikmodel des Körpers von Faith intensiviert und Blureffekte bei Stürzen oder hohen Geschwindigkeiten sorgen dafür, dass man richtig in das Spiel eintaucht. Die PC-Version wird noch bessere Optik bieten, dank der Unterstützung neuer Funktionen aktueller NVidia-Grafikkarten werden Bauplanen von Kugeln durchlöchert, Gegner fallen realistisch durch Plastikfolien und Fahnen wehen im Wind. Das alles fehlt in den Konsolenversionen, die dennoch sehr gut aussehen. Die Zwischensequenzen sind interessanterweise in einem an illustrative Flashanimationen erinnernden Look gehalten und stammen vom selben Studio, welches auch schon die hochwertigen Heavenly Sword-Zeichentricksequenzen erstellt hat. Auch der Soundtrack ist hervorragend, vorallem das Titellied “Still Alive” von Lisa Miskovsky passt sehr gut zur Gesamtstimmung.
Don’t stop running
Trotz kleinerer Fehler wie einem nicht ganz optimalen Kampfsystem, seltenen Orientierungsproblemen sowie einem Mangel an Multiplayeroptionen ist Mirror’s Edge ein mutiger Schritt nach vorne. Mirror’s Edge ist eine gewagte Mischung aus Egoshooter und Jump n’Run mit einer sympathischen Heldin und einer stilistisch ungewöhnlichen, aber gelungenen Optik – dennoch ist dem Spiel bisher der kommerzielle Erfolg versagt geblieben. Daher kann man nur hoffen, dass Faiths Abenteuer dennoch nicht zu Ende sind und es einen noch ausgereifteren Nachfolger geben wird, der die wenigen Fehler eliminiert. Gebt dem Spiel eine Chance – sonst werden wir in der Zukunft auch weiterhin immer und immer wieder in den 2. Weltkrieg ziehen müssen…
Hersteller:
Genre: Action
Spieler: 1
Online: Onlinefunktionen
Sprache: engl. Dub, dt. Sub
Version: PAL
Release: 14.11.08
Für Fans von: Sonic, Blaue Himmel, Parcours
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