No More Heroes

Posted on by CrazyArcadia

Das Jahr 2007 – Die Wii war erschienen. Entgegen vieler kritischen Stimmen bezüglich der Entscheidung Nintendos, auf HD und High End-Optik zu verzichten, platzierte sich das Gerät verkaufstechnisch auf dem 1. Platz der aktuellen Konsolengeneration. Dritthersteller hatten sich bis dahin eher am Rande mit dem Gerät befasst, weshalb dem Titel “No More Heroes” von Grasshopper Manufacture (u.a. Flower, Sun and Rain und Killer 7) bei dessen Vorstellung  besonders große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Der charismatische Kopf hinter dem Spiel, Goichi Suda, kündigte an, dass sein neustes Spiel brutaler werden sollte, als das überzogene “Mahnunt 2” von GTA-Schöpfer Rockstar. Ein Wii-Spiel für volljährige “Hardcore”-Spieler, welche das Gerät ansonsten oft eher belächeln? Ist Gewalt das Einzige, was No More Heroes vorzuweisen hat.

Touchdown

In No More Heroes übernimmt der Spieler die Rolle von Travis Touchdown, einem einzelgängerischen Anime- und Wrestlingfan, welcher bei einer Internetauktion ein Laserschwert gewonnen hat. Nun will er Rank 1 unter den Auftragskillern der Stadt “Santa Destroy” einnehmen – unter anderem, weil er sich dadurch erhofft, mit der hübschen Sylvia Christel, führender Mitarbeiterin der United Assassins Association (UAA), ins Bett zu kommen.
Schon bei der groben Storyumschreibung wird klar, dass No More Heroes eher als Parodie zu sehen ist und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es viele Anspielungen an populäre Filme, Spiele und Anime/Mangaserien gibt. Viele der Assasinen, die Travis im Verlauf des Spiels bekämpfen muss, sind überzogene Karikaturen verschiedenster Stereotypen des Actiongenres. Aber auch außerhalb der Kämpfe werden Aspekte wie Travis Nerdtum sowie Gameplay-Aspekte wie “unnötige Minispiele” durch den Kakao gezogen.

Travis Kommandozentrale – ein Zimmer im Motel “No More Hereos”, vollgestopft mit Wrestlingmasken, Sammelfiguren und Postern von Travis Lieblingsanime “Pure White Lover Bizarre Jelly” sowie einem Faxgerät, einem benutzbaren Fernseher und Travis Katze Jeane – ist der Ausgangspunkt der Abenteuer. Hier kann auf der Toilette gespeichert und in Travis Zimmer Ausrüstung und Klamotten gewechselt werden. Vor jedem Ranking-Kampf muss Travis der UAA einen gewissen Fixbetrag überweisen. Es gilt also, in der Open World von Santa Destroy durch Minispiele und Auftragskämpfe Geld zu verdienen. Die Minispiele sind zwar teilweise spaßig, der wahre Spaß- und Geldbringer sind aber die dadurch freizuschaltenden Auftragskämpfe, bei denen Travis unter anderem ein Pizzaunternehmen sowie zahlreiche andere Gegnergruppen in kleinen Arenen vom Angesicht der Welt tilgt.

In Santa Destroy ist Travis entweder zu Fuß oder auf seinem treuen Motorrad, dem Speltiger, unterwegs. Dort kann er zahlreiche geheime T-Shirts und Geldscheine entdecken, welche im Boden verbuddelt oder in Mülleimern versteckt sind. Außerdem gilt es, Lovikov Balls zu finden. Sieben Stück davon reichen dem betrunkenen Dauerbarbesucher Randall Lovikov, um Travis neue Fähigkeiten beizubringen. Auch ein Besuch bei Travis’ altem Meister Thunder Ryu verbessert seine Attribute, das Ausleihen von Wrestlingvideos lehrt neue Moves und bei einem Besuch in Doctor Naomis Werkstatt gibts gegen stolze Preise Waffenupgrades und einen Blick ins tiefe Décolleté. Leider ist Santa Destroy insgesamt sehr leer und eintönig. Kaum andere Menschen, zu wenig wirklich interessante Orte, zahlreiche Framerateeinbrüche, schlechte Fernsicht sowie kleinere Bugs vermiesen einem den Aufenthalt. Dennoch sind auch gute Ansätze vorhanden, gerade für Sammlernaturen ist viel geboten und atmosphärisch bringt Santa Destroy den kaputten “kleine amerikanische Stadt”-Flair ganz gut rüber.

Cranberry Chocolate Sundae

Den meisten Spaß in No More Heroes bringen die Rankingkämpfe und die vorangehenden Level. Insbesondere das Kampfsystem macht auf eine äußerst befriedigende Art und Weise Gebrauch der Wiisteuerung. Mit seinem Laserschwert, welches Travis hoch oder tief gehalten führen kann, haut Travis auf seine Gegner ein. Geschickte Blockaktionen und Ausweichrollen mit dem richtigen Timing bringen diese aus dem Konzept. Mit Angriffen ohne Schwert kann Travis seine Wiedersacher sogar betäuben. Betäubte Gegner lassen sich mit Wrestlingmoves aus dem Verkehr ziehen, bei Gegnern mit geringer Lebensenergie kann man zu einem Finishingmove mit dem Schwert ansetzen. Nach Zufallsprinzip läuft ein einarmiger Bandit mit, welcher Travis kurzzeitig in diverse besonders Schaden erzeugende Spezialzustände (seine “Dark Side”) versetzen kann. Im Laufe der Zeit erlernt man wie oben erwähnt einige neue Kampffertigkeiten, insgesamt bleibt es aber hauptsächlich bei diesen Möglichkeiten. Zwischendrin muss man mit einer Handbewegung, die an männliche Onanie erinnert, das Laserschwert wieder neu auflanden (sehr empfohlen, wenn z.B. MitbewohnerInnen oder Freunde/Freundinnen dem Spektakel beiwohnen dürfen). Das Kampfsystem ist zwar weitaus weniger komplex als in Spielen wie Devil May Cry, bereitet aber wegen der hohen Geschwindigkeit und den coolen Finishing und Wrestlingmoves viel Kurzweil.

Manche Level sind richtig cool – ohne viel verspoilern zu wollen ein paar Beispiele. In einer Stage, die in einem Baseballstadium spielt kann man mit Travis Laserschwert Baseball “spielen” und damit viele Gegner in einer Reihe besiegen. Ein anderes Level spielt auf einem Pseudokriegsschauplatz. Manche Level sind einfach nur cool aufgemacht, andere hingegen sind mehr oder weniger eine gerade Linie mit Kämpfen bis zum Endgegner. Besagte Endgegner – Assasinen mit höherem Rang als Travis – sind der Höhepunkt. Alle strotzen über vor Persönlichkeit, Coolness und Humor. Ob einem nun Musicals entgegen geschmettert werden, dramatische Schwertkämpfe direkt aus einem trashigen Samuraifilm abgezogen werden oder man Teil einer Live-Bühnenshow wird – langweilig sind die Bosskämpfe selten. Einige setzen viel Ausdauer voraus, aber da die Speicherpunkte fair direkt vor den Bosskämpfen gesetzt sind, kommt nur selten Frust auf.

Heavenly Star

Stilistisch ist No More Heroes schick. Die Illustrationen von Yūsuke Kozaki kommen dank der Celshadingoptik hervorragend zur Geltung. Einige Gebiete – insbesondere Einzelräume wie Travis Motelzimmer oder Zimmer von Leuten innerhalb der Stadt – sehen sehr atmosphärisch aus und sind liebevoll durchgestaltet. Dafür sind einige der Stages innerhalb der Rankingkämpfe eher trist gestaltet. Ebenfalls trist ist, dass es vom optischen her zu wenig verschiedene Gegnertypen gibt und die Animationen teilweise sehr steif wirken. Die Technik der Grafik lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Viel Geflimmere, in der Stadt massig Popups sowie ein paar kleinere Slowdowns hinterlassen einen unsauberen Eindruck. In den Momenten, wo No More Heroes gut aussieht, sieht es wirklich richtig genial aus. Dafür wirken manche Gebiete wie aus frühen PS2-Spielen.

Sprachausgabe und Musik hinterlassen einen großartigen Eindruck. Die Sprecher passen allesamt zu ihren Figuren und bringen das Gesprochene mit ausreichend Dramatik zur Geltung. Musikalisch bietet das Spiel einen Querschnitt aus 8-Bit-Musik, J-Pop, punkigem Elektroniktrash und Rockmusik. Während einige Melodien nach einer Weile nervig werden können, sind andere einfach nur Ohrwürmer. Insbesondere der Song Heavenly Star, der sowohl im Original als auch in diversen anderen Versionen vorkommt sowie die Titelmelodie und Dr. Peace’s Song bleiben in musikalischer Erinnerung.

Von No More Heroes gibt es unterschiedliche Versionen. Die europäische und japanische Version verzichten auf Blut, weshalb Sudas Ankündigung bezüglich der Brutalität des Spiels lediglich in Amerika zutrifft. Dort werden Körperteile abgehackt, Gesichter gesprengt, Blutfontänen überall. Besagte euro- und jp-Version bieten stattdessen ein fast spielhallenhaftes Ableben – die Gegner lösen sich in Geld und Asche auf. Spielerisch gibt es keine Unterschiede, aber einige Szenen, gerade die Sterbesequenzen bei den Endgegnern wirken mit comichaft übertriebenem Blut und Splatter eindrucksvoller und endgültiger. Ein Vorteil der europäischen und japanischen Version ist die Anleitung. Im Gegensatz zum schwarzweißen Heftchen in Amerika gibt es in Japan und Europa eine superstylische Anleitung in Form eines kleinen Comichefts. Allen Versionen eigen ist ein kruder Humor, überzogene Gewalt sowie eine Portion Sexismus, wenn es um leicht bekleidete Mädels und Travis Obsessionen geht.

Fazit

Punk is not Dead – Der Grundsatz von Grasshopper Manufacture ist während dem gesamten Spiel zu merken. Konventionen und gutem Geschmack wird regelmäßig der Stinkefinger gezeigt, der Spieler wird teilweise sogar selber veralbert. Doch unter der Haube steckt sogar ein spaßiges Spiel mit ein paar Abstrichen. Gerade optisch hätte mehr drinnen sein müssen, und Santa Destroy wirkt nicht wie eine lebendige Stadt. Dafür macht das Kampfsystem Laune und wer den Stil des Spiels mag, wird viel zu Grinsen haben. Wiibesitzer mit Faible für Action und Anime sollten Travis eine Chance geben.

Beschriebene Spielinhalte sowie sämtliche Grafiken, Screenshots, Video- und Sounddateien sind sofern nicht anders angegeben © Grasshopper Manufacture
No More Heroes © Grasshopper Manufacture

Hersteller: Grasshopper Manufacture

Genre: Action

Spieler: 1

Online: -

Sprache: Engl. Dub, Dt. Sub

Version: PAL

Release: 14.3.08

Für Fans von: Devil May Cry, Bayonetta, Killer 7, japanische Popkultur, derber Humor

Mehr davon: No More Heroes 2 : Desperate Struggle (Wii), No More Heroes - Heroes' Paradise (PS3)

Bonus:

Anbei noch das europäische Cover... :

... und einige Artworks, welche zum PS3/Xbox360 Remake offiziell entstanden sind und Travis sicher erfreuen würden :

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