Shenmue

Posted on by CrazyArcadia



“He shall appear from a far eastern land across the sea,
A young man who has yet to know his potential,
This potential is a power that could either destroy him or realize his will,
His courage shall determine his fate,
The path he must traverse, fraught with adversity, I await whilst praying,
For this destiny predetermined since ancient times,
A pitch black night unfolds with the morning star as its only light,
And thus the saga…begins…”

– Shen’hua

Yokosuka, Japan, 1986. Der junge Ryo Hazuki muss machtlos miterleben, wie sein Vater Iwao Hazuki im Hazuki-Dojo von einem mysteriösem chinesischem Mann namens Lan Di, gekleidet in einem seidenem grünen Kung-Fu Outfit, umgebracht wird. Lan Di bringt dabei den “Dragon Mirror” in seinen Besitz, welcher zuvor scheinbar von Iwao geschützt wurde. Ryo beschließt, Lan Di aufzuspüren, das Geheimnis um den “Dragon Mirror” und seine Bedeutung zu entschlüsseln und seinen Vater zu rächen. So beginnt eine epische Reise, in der Ryo viel über die Welt, sich selbst und sein Schicksal erfahren wird: Ein spielbarer Martial Arts-Eastern aus der Feder von Yu Suzuki, dem Mann hinter Arcadeklassikern wie Outrun, After Burner, Virtua Cop und selbstverständlich Virtua Fighter, einem Spiel, welches maßgeblich als Grundinspiration für Ryo Hazuki’s Abenteuer herhält. Mit Ryo Hazuki erkundet man verschiedene Schauplätze in Yokosuka, lernt die dort ansässigen Leute kennen und bekommt einen Einblick in die Atmosphäre einer japanischen Stadt, welche erstaunlich originalgetreu virtuell nachgebaut wurde.

1999 erschien eines der meisterwarteten und ambitioniertesten SEGA-Spiele für den Dreamcast : Shenmue. Es sollte laut Suzuki ein neues Genre begründen, “FREE” (Full Reactive Eyes Entertainment) und in seinem Realismus und seiner Komplexität die Illusion einer echten lebendigen Welt erzeugen. FREE, frei zu machen was man will in einer Welt in welcher alle Figuren ihr eigenes Leben führen und in welcher die Zeit wie in der Realität abläuft. Dieser Wunsch wurde mit Shenmue zwar nur teilweise umgesetzt, aber dennoch ist es zur Zeit seines Erscheinens in vieler Hinsicht ein revolutionäres, aber auch umstrittenes Spiel.

Looking for sailors

Ursprünglich geplant als Virtua Fighter-Spinoff rund um Kämpfer Akira wurde aus Shenmue schlussendlich eine eigenständige Spieleserie mit neuer Story und hunderten Charakteren. Strengenommen ist Shenmue ein Adventure-Spiel mit einigen Elementen aus Kampfsport- Action- und Rollenspielen. Ein sehr großer Teil des Spiels besteht daraus, dass man mit Ryo verschiedenen Spuren nachgeht, welche mit Lan Di und dem Mord an Ryo’s Vater zusammenhängen. Man befragt die Anwohner nach Hinweisen, rettet Katzenbabys, treibt sich in schmuddeligen Bars rum auf der Suche nach Seemännern, erfährt Hintergründe chinesischer Immigranten, begibt sich in Gefahr beim Aufdecken von illegalen Handelssyndikaten und fährt Gabelstapler am Yokosuka Hafen…

Eine Besonderheit ist, dass im Hintergrund eine Uhr tickt und Tage in Echtzeit ablaufen – mit Zeitraffer, versteht sich. So dauert ein Tag im Shenmue-Universum etwa eine Stunde. Die Einwohner von Yokosuka haben ihren eigenen Tagesrhytmus und sind zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten anzutreffen, Läden und Bars öffnen und schließen und einige Events finden nur zu spezifischen Zeitpunkten statt. Während ein realistischer Zeitablauf in Shenmue kein wirklich neues Feature in der Videospielwelt darstellt, ist die Umsetzung in Shenmue sehr überzeugend und trägt viel zur Atmosphäre und dem Spieltempo bei – sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. In einem Videospiel auf den Bus zu warten ist eben trotz Zeitraffer nicht unbedingt spannender als im echten Leben. Aber Ryo hat einige Optionen, sich seine Zeit auch abseits der Hauptstory interessant zu gestalten und damit Wartezeiten zu überbrücken.

Ryos Erkundung ist friedlich und komplex. Während die Kamera Ryo in 3rd-Person-Perspektive folgt, kann man sich jederzeit auch aus der Egoperspektive umschauen und Objekte in die Hand nehmen und betrachten. Interaktionen mit der Umgebung sind hingegen beschränkt. Man kann sich in Läden allerlei wichtigen (Taschenlampe, neue Kampfsport-Movelisten..) und unwichtigen (Musikkassetten welche man mit dem portablen Kassettengerät auch anhören kann, Kartoffelchips…) Krimskrams kaufen, unterwegs aus Automaten Getränke und kleine Plastikspielfiguren ziehen oder in der Spielhalle oder einer Bar Spiele zocken gehen. In der Spielhalle stehen einem unter anderem Emulationen der Sega-Klassiker Hang-on (ein Motorradrennspiel) und Space Harrier (ein schickes schnelles 3D-Ballerspiel im Science Fiction-Szenario) zur Verfügung, in Bars stehen Dartautomaten und Jukeboxen herum.

Auf ein Dialogsystem beim Sprechen mit anderen Personen wurde verzichtet, lediglich “Ja” und “Nein” stehen Ryo ab und zu zur Verfügung. Ansonsten sind die Gesprächsthemen immer relevant zu Ryos aktueller heißen Spur oder auch Themen wie der niedlichen Nozomi, die offensichtlich über beide Ohren in Ryo verknallt ist (was dieser in seiner stoischen Art offenbar entweder nicht kapiert oder bewusst ignoriert, jedenfalls ist die Liebesgeschichte in Shenmue, wenn man sie überhaupt so nennen kann, extrem hölzern). Die Steuerung des Adventure-Parts verdient übrigens eine extra Erwähnung: Aus irgendeinem Grund wird Ryo’s Laufgeschwindigkeit mit den Schultertasten reguliert, während Drehen auf das Steuerkreuz und Umschauen auf den Analogstick fällt. Daran gewöhnt man sich zwar, etwas umständlich und merkwürdig ist die Steuerung aber schon.

Everybody was kung-fu fighting

Ein weiterer wichtiger Teil von Shenmue ist das Kampfsystem, welches auch direkt mit den Rollenspiel-Aspekten des Spiels zusammenhängt. An ausgewählten Orten wie dem Hazuki-Dojo, einem Parkplatz hinter der Spielhalle oder einem Warenhaus am Hafen kann Ryo seine Kampfsportfähigkeiten trainieren. Das lohnt sich nicht nur, um sich mit dem komplexen System mit vielen verschiedenen Moves vertraut zu machen – Ryo wird durch das Training auch schneller, stärker, härter, besser. Ab und zu kann man auch mit Ryo’s Mitschüler im Hazukistil, Fuku-san, ein Sparringmatch durchführen. Während in den ersten zwei Dritteln des Spiels nur selten Kämpfe stattfinden, gibt es gegen Ende viele Prügeleien, oft auch mit großen Gegnergruppen. Das Kampfsystem erinnert in seiner Komplexität an Virtua Fighter und bietet verschiedenste Tritte, Schläge, Würfe, Ausweichmanöver, Combos und sogar ein simples Parry-System. Das Kämpfen macht Laune, leidet aber stellenweise – insbesondere bei Massenkeilerein in beschränkten Umgebungen – unter der nicht immer optimalen Kamera.

Viele Actionsequenzen wie Verfolgungsjagden oder spezifischere Prügeleien laufen in Quick Time Events ab, in welchen man ähnlich wie bei alten interaktiven Filmen in der Spielhalle zum richtigen Zeitpunkt angezeigte Buttons auf dem Controller drücken muss um das Geschehen in eine wünschenswerte Richtung zu lenken. Außerdem gibt es später eine Metal Gear Solid-artige Schleichsequenz, dank Ryos Nebenjob am Hafen auch Wettrennen in Gabelstaplern und gegen Ende noch eine Motorrad-Fahrsequenz (dann hat sich das ganze Hang-On Spielen für Ryo auch noch gelohnt…). Diese Erweiterungen bringen zwar Abwechslung in das Spiel, sind aber für sich genommen keine besonderen Hits. Aber erstaunlicherweise macht gerade das Gabelstaplerfahren tatsächlich auf eine abgedrehte Weise Laune.

Cheesy B-Movie oder Kunst

Um nochmal auf die Aussage, Shenmue sei wie ein “spielbarer Martial Arts-Eastern” zurück zu kommen : Shenmue 1, welches hier beschrieben wird, ist in erster Linie ein Auftakt zur Saga, ein Prolog. Dementsprechend passiert während dem Spiel nicht sehr viel – Ryo ist noch am Anfang seines Abenteuers, muss noch trainieren, weiß noch nicht viel über die Hintergründe seiner Feinde. Während die Story im letzen Drittel an Fahrt gewinnt, ist ein Großteil des Spiels eher gemächlich und vor allem für Spieler geeignet, die tatsächlich in eine Welt und ihre Atmosphäre eintauchen wollen. Die Welt von Shenmue ist liebevoll gestaltet und wächst einem ans Herz, aber durch die am Ende doch beschränkten Interaktionsmöglichkeiten sowie die oftmals unbeholfenen Dialoge (verstärkt durch die mäßige englische Synchronisation) kann die Illusion leicht verfliegen.

Darum fährt man am Besten wenn man Shenmue tatsächlich als spielbaren Martial Arts-Eastern mit B-Movie Qualitäten und Klischees versteht und generell auch eine gewisse Vorliebe für das Genre mitbringt. In Shenmue sind tätowierte Seemänner nunmal gefährliche Leute, Bars vorallem für harte Leute, alte obdachlose Männer am Hafen in Wirklichkeit vergessene Kampfkünstler und das hübscheste Mädel ist hinter dem Helden her. Die Zwischensequenzen sind technisch schick gestaltet, wirken aber inhaltlich und stilistisch noch sehr Videospiel-artig und lassen stellenweise Finesse in Kameraführung und Timing vermissen – das macht aber womöglich sogar einen Teil ihres Charmes aus. Fest speichern kann man nur in Ryo’s Zimmer daheim, aber dankenswerterweise sind Quicksaves jederzeit möglich.

Für das erste Durchspielen kann man mit etwa 20-30 Stunden Spielzeit rechnen, das Spiel umfasst 3 GD-ROMs (das CD-Format der Dreamcast…). Es gibt zwar eine Hand voll Secrets, aber viel Anreiz zum erneutem Durchspielen außer einer “Heimkehr” in Ryos Heimatstadt alle paar Jahre gibt es leider nicht. Der gespeicherte Spielstand kann unter anderem für Fortschritte in Ryos Kampfkünsten sowie diversen Sammelobjekten wie Plastikfiguren in Shenmue 2 weiter verwendet werden. Eine Besonderheit ist die vierte GD-ROM, der “Shenmue Passport”. Hier konnte man, als der Onlineservice der Sega Dreamcast noch online war, seine Highscores aus den Spielhallenspielen hochladen sowie neue VMU-Icons und Objekte für die Plastikfiguren-Automaten herunterladen. Außerdem wäre ein Tauschen der Figuren mit anderen Spielern möglich gewesen. Zusätzlich kann man auf der 4. GD-ROM sämtliche bereits gesehenen Zwischensequenzen erneut betrachten und alle gehörten Musikstücke anhören und sich von schick und äußerst detailliert modellierten Shenmue-Charakteren Aspekte des Spiels erklären lassen. Auf GD-ROM Nummer 3 kann man zudem die epischste Prügelei des Spiels immer und immer wieder auf Highscore spielen.

Technik

Optisch ist das Spiel absolut grandios. Was SEGA AM2 hier aus der Dreamcast rausholt lässt einen Großteil früher Playstation 2-Titel die Schamesröte ins Gesicht laufen. Hauptcharaktere sind komplex und detailliert gestaltet sowie vielfältig animiert – einige Animationen wirken nach heutigen Maßstäben hingegen etwas ungelenkt und hölzern. Jede einzelne Figur in Yokosuka ist einzigartig mit eigenem Hintergrund und Tagesablauf, hier laufen keine Doppelgänger herum, auch wenn die Nebenfiguren teilweise weniger detailliert gestaltet sind. Die Umgebung ist ebenfalls bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, gerade die Stadtgebiete sehen fantastisch aus. Der Hafen hingegen ist Lokalitätsbedingt etwas langweilig. Wechsel der Tageszeiten und des Wetters sind sehr atmosphärisch gestaltet und glaubwürdig. Das Team von SEGA AM2 ging sogar so weit und bietet die Option zwischen “Shenmuewetter” – storybezogenes Wetter wie Schnee an Weihnachten – und realistischem Wetter welches auf den Original Wetterdaten aus dem Jahre 1986 basieren. Die Framerate ist meistens flüssig, lediglich wenn es schneit oder am Hafen viele Gabelstapler auf einmal rumfahren gibt es gelegentliche Einbrüche.

Die Musik hat ein paar Ohrwürmer, mit Musik aus der Feder von Yuzo Koshiro und anderen Musikern. Nicht jedes Stück klingt aber aufregend, einige Tracks dudeln einfach nur im Hintergrund vor sich hin, aber stören tun sie nie. Die Vielzahl an Musikstücken und Remixes des Shenmue-Themas sorgen für genügend Material, zumal einzelne Stücke von Orchestern eingespielt und mit Gesang unterlegt sind. Ein Fauxpas ist die englische Sprachausgabe.  Bis auf wenige Ausnahmen klingen die Sprecher emotionslos und reden viel zu langsam.

Fazit

Shenmues Qualitäten sind eine liebevoll gestaltete Welt voller Charakter und Atmosphäre, einigen Minispielen sowie eine interessante Vermischung aus Abenteuer- und Kampfsportspiel. Wer sich auf das anfangs langsame Tempo des Spiels einlässt, wird mit einem Spielerlebnis belohnt, das bis heute einzigartig ist. Der Drache steht halt langsam auf… Natürlich kann man Nachteile wie eine suboptimale Kamera während den Kämpfen, eine gewisse Langatmigkeit zugunsten von “Echtzeit” sowie oftmals unfreiwillig komische Dialoge und Klischees nicht übersehen. Aber Shenmue ist mehr als das : Das Gesamterlebnis in Shenmue ist eine Summe von positiven und negativen Aspekten, und unterm Strich bleibt auf der Rechnung ein ungewöhnliches, tiefgängiges und vor allem interessantes Spiel, welches mutig neue Wege beschritten hat und auch heute noch spielenswert bleibt. In der aktuellen Videospiele-Welt, in der es mittlerweile häufig nur noch um spektakulärere Explosionen und Daueraction geht, ist Shenmue nach wie vor eine willkommene Abwechslung, auch wenn das Spiel sicherlich nicht jedermanns Geschmack trifft.

Beschriebene Spielinhalte sowie sämtliche Grafiken, Screenshots, Video- und Sounddateien sind sofern nicht anders angegeben © SEGA/AM2
Shenmue © SEGA

Hersteller: SEGA/AM2

Genre: FREE (Adventure/Action/RPG)

Spieler: 1

Online: ja (Ranglisten, DLC), nicht mehr aktiv

Sprache: Engl.Dub & Sub

Version: PAL

Release: 6.11.2000

Für Fans von: Cheesy Martial Arts-Eastern, Virtua Fighter, Adventure

Mehr davon: Shenmue II (Dreamcast, Xbox), :( ... (never lose hope, Shenmue III, believe!)

Shenmue Trivia

- Das chinesische Mädchen in orangener Kleidung, welches auf zahlreichen Promoartworks zu Sehen ist, im Intro von Shenmue spricht und in Traumsequenzen von Ryo auftaucht ist Ling Shen'Hua, eine Figur, die erst in Shenmue 2 tatsächlich vorkommt.

- Shenmue war lange Zeit das teuerste Videospiel überhaupt wenn es um Entwicklungskosten geht. Die Entwicklung des Spiels dauerte viele Jahre und kostete SEGA 47 Millionen Dollar. Um die Entwicklungskosten wieder einzuspielen hätte jeder Dreamcastbesitzer 1-2 Exemplare des Spiels kaufen müssen.

- Ursprünglich war Shenmue bereits für den Saturn in Planung, wechselte aber nach Ankündigung der Dreamcast und wegen besserer Technik das System. Damals war das Spiel noch unter dem Namen "Project Berkeley" bekannt. Ein Graffiti mit dem Namen findet sich im Hinterhof der Heartbeats-Bar in Shenmue.

- Das Gefühl und Flair von Yokosuka anno 1986 wurde Berichten von Spielern, welche die Originalschauplätze besucht haben, ziemlich gut umgesetzt. Es gibt im Internet zahlreiche Vergleiche von Lokalitäten im Spiel und in der Realität.

- Oft wird SEGAs Yakuza-Reihe als geistiger Nachfolger der unvollendeten Shenmue-Saga angesehen. Während Yakuza für sich genommen eine spaßige Serie ist und durchaus Ähnlichkeiten vorhanden sind (Erkunden einer japanischer Stadt, Prügeleien mit RPG-System, viel Labern mit Leuten) sind Atmosphäre und Spielgeschwindigkeit grundverschieden. Insbesondere die ruhigere Atmosphäre, das Zeitsystem und die Einzigartigkeit jedes einzelnen Nicht-Spieler-Charakters unterscheiden Shenmue von der Yakuza-Reihe, zudem geht es in Yakuza viel schneller und häufiger zur Sache.

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